Das Zeitalter der Unverbindlichkeit

Über unser Nachhaltigkeitszentrum PIER F und den angeschlossenen ZHF e.V. kommen viele Menschen zusammen, etliche davon sind Freiberufler oder leiten kleine Unternehmen. Und fast alle, ob angestellt oder eben selbstständig tätig, haben in den letzten vier, fünf Jahren dieselbe Erfahrung gemacht: Klare, verlässliche Absprachen sind schwieriger zu treffen, und die Umsetzung von Vorhaben, Aufträgen, Projekten dauert zwei- bis dreimal länger als noch vor 2020 – sofern diese Aufträge, Vorhaben und Projekte nicht schon in der Vorbereitung scheitern, mittendrin einfach abgesagt oder unkommentiert fallengelassen werden. Die berufliche Erfahrung setzt sich längst auch im Privaten fort. Und neuerdings werden die üblichen hinderlichen Faktoren ergänzt durch Probleme, die sich aus respektlos vager Kommunikation und mangelndem Commitment ergeben. Versuch einer Einordnung.

Es ist noch nicht lang her, da reisten mehrere Mitglieder unseres Zukunftshafen (ZHF) e.V. rund 100 km weit zu einem wichtigen Projektmeeting. Die Erwartungen waren hoch, doch kurz nach der Ankunft wurde unserer Delegation lapidar mitgeteilt: der zentrale Gesprächspartner sitze gerade im Zug zu einem anderen wichtigen Termin, das Meeting könne also nicht stattfinden. Ob die Partnerorganisation die Verabredung einfach vergessen hatte oder der andere Termin plötzlich als wichtiger empfunden worden war? Wer weiß. Was blieb, war das Gefühl, ziemlich respektlos behandelt worden zu sein. Erst recht weil von der anderen Seite nur ein unempathisches Sorry kam. Kein Vorschlag zum Ausgleich des entstandenen Aufwands, kein Bemühen um einen Ersatztermin.

Nun könnte man meinen: So etwas passiert schon mal. Doch unser Eindruck ist ein anderer: So etwas passiert immer häufiger, wenn auch nicht ständig in dieser krassen Form. Woher unser Eindruck kommt? Aus unzähligen Begegnungen und Gesprächen innerhalb unseres großen Netzwerks. Dort häufen sich neben den üblichen Berichten über Pleiten, Pech und Pannen seit geraumer Zeit Erzählungen über besonders langwierige Prozesse, ob zwischen Geschäftspartnern oder innerhalb eines Unternehmens, über unvermittelt abgebrochene Kommunikation, über fehlendes Engagement oder überraschende Rückzieher von bereits getroffenen Vereinbarungen. Hier nur eine kleine Auswahl an Beispielen, von denen wir gehört oder die wir selbst erlebt haben:

  • Anfragen an einst vertraute Partnerinnen und Partner bleiben konsequent unbeantwortet, obwohl diese noch in derselben oder einer ähnlichen Funktion tätig sind.
  • Auftraggeber lassen sich wochenlang mit Informationen und wichtigen Vorarbeiten versorgen, um schließlich das so gut wie festgezurrte Projekt urplötzlich abzusagen oder ständig  zu verschieben.
  • Überhaupt zieht sich der Abschluss von Vereinbarungen in verschiedensten Branchen quälend lang hin, weil wichtige Entscheiderinnen oder Entscheider nicht greifbar sind oder Abstimmungsprozesse immer komplexer werden.
  • Genauso kommen firmeninterne Abläufe ins Stocken, weil Abteilungen nicht zusammenarbeiten, Mitarbeitende nicht präsent sind, Ziele nicht klar formuliert oder Beschlüsse aus Meetings wenig später wieder gekippt werden.
  • Jobsuchende haben nach perfekten Bewerbungsgesprächen fast schon eine Zusage in der Tasche, nur um dann nie wieder von dem möglichen Arbeitgeber zu hören und am Telefon einfach abgewimmelt zu werden.
  • Und auch das haben wir schon gehört: Menschen, die eine neue Tätigkeit aufgenommen haben, werden nach wenigen Tagen wieder entlassen oder abgesägt – weil sich zwei verschiedene Fraktionen im Unternehmen nicht über das Engagement haben einigen können oder weil die Rechtsabteilung doch noch arbeitsrechtliche Bedenken geäußert hat.

Weniger schlimm, aber nicht minder nervig sind freie Dienstleistende, die unentschuldigt Deadlines verstreichen oder das vereinbarte Onlinemeeting sausen lassen, nur weil ihnen, wie man im Nachhinein erfährt, nicht ganz wohl war oder die gestrige Party bis zum frühen Morgen gedauert hat. Was ähnlich unbefriedigend wirkt wie das konsequente Schweigen, das auf eigentlich vielversprechende Erstkontakte folgt:

  • Da plaudert man mit einem Amtsmitarbeiter eine Stunde lang hoffnungsvoll in dessen Büro, erörtert Projekte und Unterstützungsmaßnahmen durch das Amt – und hört anschließend trotz Nachhakens nie wieder von diesem Menschen.
  • Da checken Technik- und Handwerksbetriebe ab, was zu erledigen wäre, und kündigen Kostenvoranschläge an – aber Letztere gehen niemals ein.

Dass wir vom PIER uns hier nicht in einer eigenen, besonderen Blase bewegen, unterstreichen verschiedenste Internetportale, die Ähnliches aus dem Büroalltag berichten: über Chefs, die Vereinbarungen mit Mitarbeitenden nicht einhalten, aber auch über Jobsuchende, die ohne Absage nicht zum Bewerbungsgespräch oder zum Probearbeiten erscheinen. Ein Verhalten, das man heute als „Ghosting“ bezeichnet.

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Ghosting, Zombieing, Breadcrumbing & Co

Mit dem Begriff Ghosting, der gern im Dating-Kontext verwendet wird, sind wir dann auch schon im privaten Bereich. Denn hier setzt sich die ärgerliche Fehl- oder Nichtkommunikation fort. Man könnte auch etwas weiter ausholen: Wir haben es weniger mit Problemen einer bestimmten Branche oder bestimmter Businessfraktionen zu tun als mit einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen – denn die beruflichen und privaten Kommunikationsweisen sind längst dabei, sich gegenseitig zu durchdringen. Über die alltägliche Erfahrung, dass Kaufinteressenten, von denen man auf einem Suche-/Biete-Portal kontaktiert wurde, zum Verkaufstermin nicht erscheinen, schüttelt man inzwischen nur noch den Kopf. Dass aber auch Menschen, die man schon länger kennt und/oder zu denen sich eine persönliche Beziehung entwickelt hat, plötzlich immer unverbindlicher kommunizieren, wirkt verletzend. Bezeichnend, dass sich dafür schon regelrechte Trendbegriffe etabliert haben. Neben Ghosting gibt es Zombieing (das plötzliche Wiedermelden nach längerem totalem Kontaktabbruch), Breadcrumbing (ein nur noch sporadisches Kontakthalten) oder Orbiting (das gelegentliche Liken oder Direkt-Messaging ohne echte Kommunikation) – Strategien, die oftmals nur verschleiern, dass man letztlich nicht weiß, was man will, und möglichen Konflikten aus dem Weg geht.

Auch im privaten Bereich kommt es immer häufiger vor, dass Verabredungen kurzfristig abgesagt oder gleich ganz ohne Begründung nicht eingehalten werden. Halb so dramatisch, aber eben auch sehr ärgerlich sind unerwartete Begegnungen mit Menschen, mit denen man schon das eine oder andere nette Gespräch geführt hat, die aber jetzt nur noch andeutungsweise grüßend respektive unsichere Blicke werfend schnell an einem vorbeihuschen. Oder nicht ganz so enge Bekannte, die immer wieder ein mögliches Treffen ansprechen, das Ganze aber stets im vagen „Wir sollten mal“- oder „Wir werden demnächst“-Status schweben lassen. All das irritiert und verursacht unschöne Gefühle.

Diagnose: Unverbindlichkeit

Mit feuchten Augen erinnern sich Business-Romantiker an längst vergangene Zeiten, als selbst größere Geschäfte noch per Handschlag besiegelt und anschließend ohne Störgeräusche durchgezogen wurden. Freundschafts- und Beziehungsromantiker wiederum berufen sich nostalgisch auf eingeschworene Partnerschaften und Gemeinschaften, in denen man zueinanderhielt und ein Wort noch etwas galt. Kurz: Gesagt war auch getan. Natürlich klingt das arg pathetisch. Denn die Zeiten haben sich geändert, und auch damals war nicht alles Gold, was glänzte. Doch inzwischen regiert das andere Extrem: eine unangenehme Dynamik, die unseren gesamten Alltag durchzieht, den beruflichen wie den privaten, und viele Gesichter zeigt: Lustlosigkeit, Unsicherheit, Übellaunigkeit, Abschirmung, Enttäuschung, Egoismus, Machtspiele … Das Ergebnis ist immer dasselbe: fehlendes Commitmentmangelnde Empathie, eine grundsätzliche Unverbindlichkeit. Und tatsächlich man kann sagen: Auch wenn sich nach wie vor vieles in festen Strukturen bewegt und der Alltag irgendwie funktioniert, scheint ein Zeitalter der Unverbindlichkeit angebrochen. Einen treffenden Kommentar dazu gab bereits 2017 das eigenwillige Berliner Grooveprojekt Maurice & die Familie Summen ab – mit dem Song „Nicht antworten ist das neue Nein“.

Es ist eine Dynamik, die man letztlich auch beim Versuch der Kommunikation mit Banken, Online-Händlern, Dienstleistungsunternehmen aller Art und sogar Medien, genauer: Redaktionen, erleben kann. Es wird immer schwieriger, echte, lebende Menschen zu erreichen, um ein Anliegen zu erörtern. Filialen werden abgebaut, es gibt nur noch Zentralnummern statt Durchwahlen, info-at- statt persönlicher E-Mail-AdressenKontaktformulareCallcenter-Warteschleifen oder den Verweis auf den FAQ-Bereich. Fast wirkt es, als würde sich die Welt der Zuständigen gegen die unverschämten Ansprüche der Welt da draußen abschotten und verbindliche Aussagen möglichst vermeiden. Das Feedback, das man als Austausch Suchender – wenn überhaupt – bekommt, ist elektronisch generiert, meist unbefriedigend, weil inkompetent, oder passt überhaupt nicht zum geschilderten Anliegen.

Die Frage nach den Ursachen

Eigentlich liegt es auf der Hand: Unverbindlichkeit untergräbt Vertrauen, lässt Menschen wenig verlässlich erscheinen. Wer unverbindlich bleibt, schadet langfristig seinem Ruf. Wer dagegen Unverbindlichkeit erlebt, fühlt sich nicht ernst genommen, schon gar nicht respektiert. Unverbindlichkeit verlangsamt und lähmt Prozesse, kostet Zeit und Energie, demotiviert. Wer also möchte unverbindlich behandelt werden? Und wer behandelt andere Menschen so?

Wir sind sicher, dass wir es nicht mit einem plötzlichen Anstieg der Zahl an charakterschwachen, bösen Menschen zu tun haben, die Unverbindlichkeit als neue miese Strategie für sich entdeckt haben. Vielmehr denken wir, dass die Unverbindlichen gar nicht realisieren, wie unverbindlich sie sind – dass hier unbewusste Mechanismen am Werk sind. Und dass womöglich auch wir vom PIER selbst gar nicht merken, dass wir, zumindest hin und wieder, ebenfalls unverbindlich agieren. Wer nach den tieferen Ursachen forscht, stößt schnell auf ein komplexes Puzzle aus verschiedenen Faktoren und Dynamiken, die teilweise gar nicht zueinander passen wollen, sich aber trotzdem wechselseitig durchdringen und alle ihren Teil zum Gesamtzustand beitragen. Hier eine kleine Liste – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und als Thesen gedacht.

  • Die Folgen der Pandemie, na klar:
    Corona
     war ein einschneidendes Weltereignis – die Krankheit hat die Menschheit zwei, drei Jahre lang in einen Ausnahmezustand versetzt und unser Lebensgefühl verändert. Was liegt da näher, als abzutauchen, sich einzuigeln und einem gewissen Egoismus zu frönen, die Welt da draußen auf Abstand zu halten?
  • Die schwierige weltpolitische und weltwirtschaftliche Lage:
    Fast überall nur „bad news“, und immer, wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen, bahnt sich die nächste Katastrophe an. Da zieht man sich schon mal in die Innerlichkeit zurück und denkt: Wozu noch Pläne, Absprachen, Termine – hat ja eh alles keinen Sinn. Manch eine(r) wendet sich in einem solchen Klima der Verunsicherung auch Verschwörungstheorien zu, andere driften ab ins Esoterische oder in (rechts-)extremes Denken. Es bilden sich die vielzitierten „Blasen“, aus denen manche nur schwer oder gar nicht mehr herauskommen.
  • Übertriebene Achtsamkeit und Selbstoptimierungswahn:
    Wo Dinge kompliziert und belastend werden, versuchen manche, die in ihnen schlummernden Potenziale zu wecken und zu entwickeln, sich selbst zu schützen und resilienter zu machen. Nur: Das an sich begrüßenswerte Streben nach Selbstoptimierung wird schnell zum Selbstoptimierungswahn und produziert ungesunde Selbstbezogenheit – Achtsamkeit schlägt um in Egoismus, zum Teil in ätzendes Arschlochverhalten.
  • Das Leben als unendliches Angebot an Events und Optionen:
    Die heutige Welt hält ein Überangebot an Kontakten und Aktivitäten bereit – da wartet man bis zum Schluss und lässt vieles offen, um am Ende auch ja die besten Optionen wahrzunehmen. Frühzeitige verbindliche Entscheidungen und Zusagen? Eher hinderlich. „Absage-Schweigen“ nennt die Autorin Melanie Probandt diese „Ich weiß noch nicht“- bis Gar-nicht-Absagen-Taktik. Und das lässt sich wieder auch auf den beruflichen Kontext übertragen, à la: Partner A könnte interessant sein, aber vielleicht ist das Vorhaben von Partner B doch die attraktivere, lukrativere und, vor allem, bequemere Option …
  • Die sozialen Medien:
    Natürlich: Soziale Medien haben uns neue Möglichkeiten der Kommunikation und der Interaktion erschlossen. Aber neben Fake News, anonymer Hetze und verstörendem Trolltum haben sie auch der Unverbindlichkeit Tür und Tor geöffnet. Eine kurzfristige Absage, ein kühles Schlussmachen, eine steile These oder auch mal gar nicht reagieren – das ist für etliche Zeitgenossen wirklich praktisch. Gut möglich, dass man in der Folge irgendwann die wirklich wichtigen Bande, Vorhaben und Projekte aus den Augen verliert… und sowieso zu beschäftigt ist mit der eigenen Selbstdarstellung.
  • Vielleicht geht’s uns einfach zu gut?
    Ein heikler, provokanter Gedanke. Doch manchmal beschleicht uns der Eindruck, dass wir uns als Gesellschaft zu sehr auf dem erreichten Wohlstand und in den zu besseren Zeiten geschaffenen Strukturen ausruhen. Spätestens nach dem selbstzufriedenen „Weiter so“ der Merkel-Ära offenbart sich Stück für Stück, welche wichtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche vernachlässigt wurden. Doch anstatt buchstäblich wieder „in die Hände zu spucken“, beharren auch wir Bürgerinnen und Bürger nur allzu gern weiter auf dem Erreichten: feiern feine Honorare und Gehälter, Auszeiten und, sofern es sie gibt, Sonderzulagen; wählen unter all den inzwischen existierenden Arbeitsformen, Arbeitszeitmodellen und Ruhestandsregelungen die für uns attraktivste, lukrativste Option. Noch für etwas zu brennen und zu kämpfen? Womöglich für die Ziele eines Unternehmens oder Auftraggebers, mit dem man sich letztlich gar nicht identifiziert? Wozu?! Eine aktueller Studienvergleich der Wochenzeitung DIE ZEIT konstatiert tatsächlich eine gewisse Saturiertheit der Deutschen im Job, Arbeiten sei hierzulande nicht mehr so wichtig wie in anderen Ländern, die Deutschen seien halbwegs zufrieden mit ihren Gehältern, wollten Stunden reduzieren und würden dies auch tun – ja insgesamt sei die Zahl der jährlichen Pro-Kopf-Arbeitsstunden in Deutschland inzwischen geringer als anderswo. Allerdings gebe es heute auch wesentlich mehr Erwerbstätige, weshalb nicht von einem dramatischen Einbruch der Gesamtproduktivität gesprochen werden könne. Hier und da beobachten wir aber auch: Leistungsbereite, kreative Mitarbeitende oder Externe, die Projekte umsetzen wollen und dafür verbindliche Absprachen brauchen, werden eher mal als Störenfriede, als Stressfaktoren wahrgenommen. Derweil die wenigen Eifrigen, die für die hedonistischen, teils auch krankfeiernden Kolleginnen und Kollegen die Stellung halten, unter der Belastung zusammenbrechen.
  • Und wenn es uns doch nicht so gut geht?
    Was aber, wenn es uns gerade in der beruflichen Tätigkeit gar nicht so gut geht, wie es immer wieder den Anschein hat? Die Arbeitswelt ist sicher das komplexeste Feld, wenn es um Ursachen für Stillstand und Unverbindlichkeit geht. Vor einiger Zeit erlebten wir die nachgerade blutleere Powerpoint-Präsentation einer Bekannten, die wir eigentlich als engagierte kreative Schafferin kennen. Beim anschließenden privaten Plausch erfuhren wir, dass sie „ihre“ Präsentation für diese Veranstaltung gern ganz anders, spannender aufgezogen hätte, am Ende aber das vorstellen musste, was ihr zuvor in mehreren Abstimmungsrunden auf höherer Geschäftsebene zunehmend verwässert worden war: um ein möglichst gutes Unternehmensbild abzugeben und keine kritischen Fragen aus dem Publikum oder allzu anregende Diskussionen zu provozieren.
    Dieser Mechanismus scheint symptomatisch. Absicherung und Kontrolle haben höchste Priorität, und je mehr Verantwortliche ihren Stempel draufpacken, desto besser – auch wenn sich dadurch Prozesse verlangsamen, Botschaften an Kontur verlieren. Ein solches starres Korsett prägt auch andere Arbeitsbereiche. So werden Spontaneität, Kreativität und Eigeninitiative von Mitarbeitenden unterdrückt, ursprünglich engagierte Angestellte zum bloßen Funktionieren verdammt. Die Identifikation mit dem Job und der persönliche Antrieb beginnen zu schwinden. Wenn dann noch Vorgesetzte (die auf höherer Ebene vielleicht dasselbe erleben) ihren Unmut nach unten weitergeben, sehen viele einst Motivierte nur noch wenig Sinn darin, sich noch groß für das Unternehmen ins Zeug zu legen. Aufgaben und Projekte werden verschleppt, der Krankenstand steigt, wie auch die Zahl der Urlaubsanträge, die der Tage im Homeoffice oder die der Überstunden Einzelner, schließlich das Maß an Personalfluktuation. Und so wundern sich gerade externe Partner, dass nichts mehr vorangeht, dass alles immer unverbindlicher wird.

Eine Gesellschaft kurz vor dem Burn-out?

Verschiedenste Studien berichten vom Fehlen einer tiefen emotionalen Bindung zum Job, von einer hausgemachten hohen Wechselbereitschaft oder der rapide sinkenden Bereitschaft, im Beruf wirklich alles zu geben. Neben der angesprochenen Saturiertheit sind schlechte Arbeitsbedingungen die Gründe, unbefriedigende Karrierechancen, aber auch die mangelnde Qualität der Führungskräfte. Und fast scheint es, als würde sich ein nicht unerheblicher Teil der arbeitenden Bevölkerung physisch oder auch nur mental dem Arbeit- oder Auftraggeber, den Kernaufgaben entziehen.

Dieses Sich-Entziehen muss dann nicht einmal bewusst gewählt sein. Burn-out ist eine Diagnose, die nicht nur aus Überlastung, also aus zu viel Verantwortung und Überforderung resultiert, sondern auch aus genau dem Gegenteil: Unterforderung und mangelnder Wertschätzung. Weitere Studien zeigen, dass die Zahl der Burn-out-Fälle in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen ist, parallel zur Zahl der psychischen Erkrankungen. Für die Burn-out-Expertin und Kulturhistorikerin Anna Katharina Schaffner ist das eine beinahe logische Entwicklung: „weil wir Arbeitswelten geschaffen haben, die extrem toxisch und schädlich sind für unsere Psychen“. Dieses ernste strukturelle Problem gelte es zu lösen.

Bürokratie und Regelungswahn als Stolpersteine

Hinter all dem mag auch ein ständig dichter werdendes Netz an Gesetzen, Verordnungen und Regeln stehen. Ob man nun ein Start-up oder schon länger soloselbstständig tätig ist, ob man für ein mittelständisches Unternehmen oder einen großen Konzern arbeitet – bisweilen hat man das Gefühl, gar nicht mehr zu seiner eigentlichen Tätigkeit zu kommen, weil man vor allem damit beschäftigt ist, komplexe arbeitsrechtliche, steuerrechtliche und natürlich alle möglichen branchen- und firmenspezifischen Verordnungen, Bestimmungen und Sonderanweisungen zu befolgen. So kommt es immer wieder, wie es kommen muss: Bevor man allzu tief in ein spannendes, aber etwas komplexeres Projekt einsteigt, lässt man es lieber schleifen. Sagt ganz ab. Oder stiehlt sich still und heimlich aus der Verantwortung.

Und welche Rolle spielt der Generationenkonflikt?

Gern werden einige der beschriebenen Mechanismen auf einen Generationenkonflikt zurückgeführt: auf der einen Seite die leistungsbereiten und überaus pflichtbewussten, verbindlichen älteren Generationen wie die Baby-Boomer (Jahrgänge 1946–1964) oder die Generation X (1965–1980), auf der anderen Seite die problematische Gen Z der zwischen 1997 und 2010 Geborenen mit ihrem übersteigerten Selbstbewusstsein, ihrem überzogenen Anspruchsdenken und einer besonders laxen Grundhaltung. Tatsächlich sind uns im wahren Leben schon solche Klischee-Gen-Z-Exemplare begegnet. Aber: Wir kennen auch mindestens genauso viele, wenn nicht deutlich mehr Angehörige dieser Generation, die extrem leistungsbereit und verlässlich sind und klare Ziele verfolgen. Abgesehen davon, dass, wie Arbeitsforscherinnen und -forscher bestätigen, an Gen-Z-Forderungen nach einer gesunden Work-Life-Balance und wertschätzenden Arbeitsbedingungen erst mal nichts auszusetzen ist – schließlich handelt es sich um wichtige Reaktionen auf die negativen arbeitsweltlichen Auswüchse früherer Jahrzehnte. Andersherum haben wir vom PIER natürlich auch mit vielen Boomern und Gen-X-lern zu tun, die so gar nicht den hehren Prinzipien entsprechen, die man ihresgleichen gern unterstellt.

In anderen Worten: Zwischen Generationen wird es immer wieder unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen, ja auch Konflikte geben; aber diese Differenzen sind nicht verantwortlich für das hier konstatierte „Zeitalter der Unverbindlichkeit“. Unverbindlichkeit zieht sich als Phänomen durch die gesamte Gesellschaft, durch alle Altersgruppen, Branchen und Beschäftigungsverhältnisse. Und sie prägt immer häufiger auch die große Politik. Nicht eingehaltene Wahlversprechen, gebrochene Koalitionsvereinbarungen, Egotrips und parteipolitische Machtspielchen liefern hier die Stichworte, Kompetenzgerangel und Lügen, bis hin zur Propagierung „alternativer Fakten“. Was zählt, ist für sich selbst oder die eigene Seite das meiste herauszuholen, gern mit fragwürdigen Methoden und auf Kosten anderer. Unverbindlichkeit als Teil einer Macht- und Selbstbereicherungsstrategie.

  

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Gibt es Lösungen?

Durch Zufall haben wir kürzlich mit dem Universum der Freizeitportale Bekanntschaft gemacht – Plattformen, die mittlerweile in fast allen größeren Städten und Regionen Menschen für gemeinsame Unternehmungen zusammenbringen. Interessanterweise scheint auch hier das Thema Unverbindlichkeit an Relevanz gewonnen zu haben, weshalb es gezielt angegangen wird. So werden Mitglieder explizit zu verbindlichen Zusagen oder transparenten Absagen animiert und gleichzeitig über mögliche Sanktionen für den Fall der Nichteinhaltung informiert. Was im ersten Moment nach Spaßbremse und Kontrollsucht klingt, wird von den meisten Mitgliedern akzeptiert: weil es nicht nur die Chance auf eine erfüllende gemeinsame Unternehmung erhöht, sondern auch den jeweiligen Initiatorinnen und Initiatoren, nicht zuletzt den Veranstaltern, deren Events man möglicherweise zusammen besucht, Planungssicherheit gibt und den nötigen Respekt erweist. Gleichzeitig haben sich im Veranstaltungsbereich elektronische Bezahlsysteme mit Anmeldung und Vorkasse etabliert – als Möglichkeit, Verbindlichkeit einzufordern, ja herzustellen. Und das ist es, was man schon mal im persönlichen Geschäfts-, aber auch Privatumfeld tun kann: für Verbindlichkeit werben, für Verbindlichkeit sensibilisieren. An Freunde und Partner appellieren. Sich mit verbindlichen Menschen umgeben. 

Darüber hinaus sind es die gesamtgesellschaftlichen, arbeitsweltlichen, politischen Strukturen, die sich ändern sollten. Mit dem Ziel, Perspektiven aufzuzeigen, Identifikation zu erreichen, Gemeinschaft herzustellen, kurz: zu motivieren. Denn nur wer motiviert ist, (mit-)gestalten kann und einen echten Sinn im eigenen Tun sieht, agiert verbindlicher, auch mit Blick auf ein größeres gemeinschaftliches Ziel. Dafür müssen wir nur in die eigene Vergangenheit schauen, etwa in die Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg, oder auf andere Länder, Gesellschaften oder Kulturen, die uns zuletzt, aus welchen Gründen auch immer, an Motivation und Innovationskraft überholt haben. Es braucht Perspektivenklare Ansagenden Mut auch zu unpopulären Entscheidungen und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl, dazu einiges von dem, was in den vergangenen Zeilen bereits anklang: weniger Bürokratieflachere Hierarchienmehr und bessere (Aus-)Bildung, auch von Führungskräften, die unkompliziertere Förderung von Ideen und Visionenschnellere Entscheidungsprozessemehr Selbstverantwortung. Ganz sicher wird in Deutschland nicht zu wenig gearbeitet. Aber die Arbeit, die geleistet wird, muss von mehr Freiheit, mehr Zufriedenheit, mehr Motivation getragen sein und mehr Ertrag bringen. Makabererweise sind es oftmals Krisen und Kriege, die Menschen zusammenbringen und Höchstleistungen fördern – und letztlich auch für Verbindlichkeit sorgen. Aber sollte all das nicht auch ohne solche Extremlagen möglich sein?

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Verwendete Quellen

Eigene Beobachtungen.

Unverbindlichkeit von Führungspersonen und Jobbewerbern, gute Gründe für Verbindlichkeit:

https://www.fleet40.de/artikel/Verbindlichkeit_warum_sie_im_Business_unerl%C3%A4sslich_ist

Achtsamkeit und Selbstoptimierung, Individualisierung:

https://www.zukunftsinstitut.de/zukunftsthemen/die-individualisierung-der-welt

„Absage-Schweigen“:

https://www.focus.de/wissen/mensch/die-pest-des-unverbindlichen-warum-es-mich-aergert-wenn-jemand-sagt-ich-weiss-noch-nicht_id_12235631.html

Motivation deutscher Arbeitnehmer:

https://www.zdfheute.de/panorama/arbeit-motivation-deutschland-studie-ey-100.html?utm_source=firefox-newtab-de-de

https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/01/ey-work-reimagined-2024-2025

https://t3n.de/news/stille-krise-am-arbeitsplatz-1694724/

Burn-out:

https://www.fr.de/panorama/die-wahrheit-ueber-burnout-die-viele-nicht-hoeren-wollen-zr-93807716.html

Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch:

https://www.bkk-dachverband.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/krankenstand-2025-mehr-transparenz-nicht-mehr-krankheit-der-krankenstand-stagniert-die-psychischen-belastungen-steigen

Arbeiten die Deutschen zu wenig?

https://jacobin.de/artikel/merz-wirtschaft-arbeit-gewerkschaften-agenda2010-arbeitszeit-teilzeit-klassenkampf

Dana Hajek, Anne-Sophie Lang und Kolja Rudzio, „Wie faul sind wir wirklich?“. In: DIE ZEIT No 8, 19. Februar 2026, S. 17/18

Gen Z und Arbeitsmoral:

https://www.flexopus.com/blog-posts/gen-z-will-nicht-arbeiten